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Weltlesebhne

Übersetzer sind Weltenbummler der Literatur. Von den Büchern, die sie von ihren Reisen mitbringen, können sie deshalb so spannend erzählen, weil sie sie selbst geschrieben haben. Was andere geschaffen haben, erfinden sie in minutiöser Arbeit neu.

Übersetzen wird gern als zweitältestes Gewerbe der Welt bezeichnet, und wie alle ältesten Gewerbe hat das Übersetzen, insbesondere das von Literatur, ein Image-Problem. Der Grund: Eine Übersetzung ist nicht das authentische Werk im originalen Wortlaut des Autors, findet aber unter seinem Namen Verbreitung, wird als sein Werk verdammt und geschmäht, gelobt und gefeiert. Streng genommen müsste man sagen: Jede Übersetzung ist eine Fälschung.

Weil man in dieser Not - wir hören nicht die Stimme des Originalgenies, sondern bestenfalls die eines genialen Stimmenimitators - keine Tugend vermutet, wird das Thema Übersetzung von Büchermachern und Kritikern gerne verdrängt. Aus dem eigenen Bewusstsein und nach Möglichkeit auch aus dem der Leserschaft.

Zu Unrecht: Weltliteratur ist zum überwiegenden Teil Literatur aus fremden Sprachen, von denen der Einzelne die wenigsten beherrscht. Folglich sind die literarischen Erfahrungen der meisten Menschen in erheblichem Maß durch Übersetzungen geprägt. Das Übersetztsein eines Werkes ist aber kein Makel, sondern im Gegenteil sein Ritterschlag - und eine verantwortungsvolle Aufgabe: Nur solche Werke werden im Konzert der Kulturen Gehör finden, die auch übersetzt werden und deren Übersetzungen sich sprachlich auf vergleichbarem Niveau bewegen wie die Originale selbst.

Das aber verlangt weit mehr als Sprachkenntnisse. Literaturübersetzer dolmetschen nicht einfach zwischen verschiedenen Sprachen, vielmehr machen sie die in diesen Sprachen eingeschlossenen kulturellen Welten füreinander lesbar. Sprachmächtige Übersetzungen haben maßgeblichen Anteil daran, dass die ganze heutige Welt in einer Sprache Platz findet und die Literatur dieser Sprache sich im interkulturellen Austausch weiterentwickelt. Für diese Aufgabe brauchen und verdienen ihre Protagonisten Aufmerksamkeit und Anerkennung, wie sie andere nachschaffende Künstler - Schauspieler und Musiker etwa - längst erfahren.

Zur Förderung einer lebendigen und streitbaren Übersetzungskultur hat sich im März 2009 die Weltlesebühne gegründet – ein loses Netzwerk von Veranstaltungsprojekten aus Berlin, Frankfurt, Freiburg, Hamburg, Köln und Zürich, die sich auf ungewohnte Weise der internationalen Literatur und ihren häufig unbekannten Co-Autoren widmen. Das Publikum erhält spannende Einblicke in Textübertragungen aus allen erdenklichen Sprachen, Epochen und Gattungen. Übersetzer berichten aus ihrer Werkstatt und erkunden gemeinsam mit ihren Zuhörern das weite Feld zwischen den Sprachen und Kulturen.

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